Hans-und-Lea-Grundig-Preisträger 2019

Der von der Rosa-Luxemburg-Stiftung ausgeschriebene Hans-und-Lea-Grundig-Preis 2019 wird an

die Berliner Künstlerin Dorit Bearach, an den Zürcher Fotografen Christoph Oeschger, an Ana Kutleša, Ivana Hanaček und Vesna Vuković vom Kollektiv BLOK (Zagreb), sowie an den Kunsthistoriker und Ausstellungskurator Guy Raz (Tel Aviv) vergeben. So entschied die Jury mehrheitlich nach intensiver Diskussion in einer zweitägigen Sitzung am 22. und 23. Mai 2019.

Lobende Erwähnung durch die Jury finden die Einreichungen im Bereich Bildende Kunst von Martin Barzilai, Sonja Hamad und Fides Schopp sowie im Bereich Kunstgeschichte/Kunstvermittlung die Einreichung von Rachel E. Perry. Ausdrücklich lobende Erwähnung verdient Paul Greven (geb. 1934) mit seinem Skulpturenpark und -museum Kunsthof Greven in der Eifel. Die zu einem großen Teil von ihm geschaffenen Werke in der Museumsscheune und die plastischen Arbeiten im Landschaftspark widmen sich auf ästhetisch beachtlichem Niveau gesellschaftspolitischen Themen. Zum vielfältigen Engagement des Künstlers gehören sowohl die Würdigung der bäuerlichen Arbeit in dieser kargen Region als auch die Hilfe für Flüchtlinge. Der Hof der Familie Greven ist Gesamtkunstwerk und offene Begegnungsstätte zugleich.

Die Hans-und-Lea-Grundig-Preise 2019 werden am 7. November 2019 im NS-Dokumentationszentrum München vergeben. Nähere Informationen folgen.

Dorit Bearach — Preisträgerin im Bereich «Bildende Kunst» für ihr Gesamtwerk
1958 in Tel Aviv geboren, studierte Dorit Bearach an der Hochschule für Bildende Künste Dresden und lebt seit 1979 in Deutschland. Ihre Bildsprache speist sich aus der langen Tradition der Dresdner Malerei ebenso wie aus der Landschaft und Kultur ihrer Herkunft. Die Künstlerin zielt darauf, aus Farbräumen Gedankenräume zu schaffen. Ihre oftmals brüchig wirkenden, dabei aus der Tiefe ihrer Schichtung strahlenden Bilder, spiegeln die zwei Welten ihrer Biographie, verkörpern Sehnsucht und Verlust und suchen aus der Erinnerung Gegenwart zu begreifen. Ihre intensive Auseinandersetzung mit der hebräischen und deutschen Sprache haben Form, Farbe und Duktus ihrer Gemälde geprägt, deren Themen persönlicher ebenso wie gesellschaftlich-politischer Natur sind. Schmerz, Ironie und Zynismus, Ankunft, Flüchtigkeit und Ausharren sind die gedanklichen Räume die sie in ihren Bildern zu artikulieren und zu untersuchen scheint, geleitet von den Worten Adornos, dass Kunst Magie sei, «befreit von der Lüge, Wahrheit zu sein.»


Christoph Oeschger — Preisträger im Bereich «Bildende Kunst» für das Werk They’ve Made Us Ghosts (2017)

They’ve Made Us Ghosts — so lautet der Titel der fotografischen Arbeit des Künstlers Christoph Oeschgers (*1984 in Zürich), der in diesem Jahr mit dem Hans-und-Lea-Grundig-Preis im Bereich Bildenden Kunst ausgezeichnet wird. Wenige Monate vor der Räumung des informellen Flüchtlingslagers in Calais begann Oeschger die Situation der Geflüchteten vor Ort zu fotografieren. Seinen Aufnahmen und Portraits stellt er Bilder von französischen Grenzwachkorps, Überwachungskameras und Sicherheitsarchitekturen gegenüber, um die Menschen, die Geschehnisse und die militärisch überformte Landschaft konkret in politische Machtstrukturen und -verhältnisse einzubetten. Sein Anliegen ist es, Grenzregime und deren Repressionsmechanismen in ihrer Komplexität sichtbar zu machen und die Rolle der fotografischen Bildproduktion und deren strukturelle Bedingungen kritisch zu hinterfragen. Mit seinen komplexen fotografischen Arbeiten, in denen er sich immer wieder mit den politischen Dimensionen von Architektur und Raum auseinandersetzt, ist Christoph Oeschger in den letzten Jahren immer wieder an internationalen Projekten und Ausstellungen beteiligt. Mit der Jury-Entscheidung und der Verleihung des Hans-und Lea Grundig-Preises möchte die Jury den Künstler ausdrücklich ermutigen, seinen eingeschlagenen Weg weiterzuverfolgen.

Ana Kutleša, Ivana Hanaček und Vesna Vuković vom Kollektiv BLOK (Zagreb) — Preisträgerinnen im Bereich «Kunstvermittlung/Kunstgeschichte» für das Forschungs- und Ausstellungsprojekt The Art of the Collective — Case Zemlja (2016)
Ana Kutleša, Ivana Hanaček und Vesna Vuković sind Mitglieder des kuratorischen Kollektivs BLOK, das vor allem in Zagreb im Bereich der sozial engagierten Kunst und Kunstvermittlung tätig ist. Sie erhalten den Preis für ihr Projekt Zemlja. Es beschäftigt sich mit der gleichnamigen heterogenen, dabei linksorientierten Künstlervereinigung, die innerhalb der kroatischen Kunstszene zu Beginn des Jahres 1929 entstanden war. Ihr führender Ideologe war Krsto Hegedušić, ein Förderer der naiven Kunst. Insbesondere der naive Maler Ivan Generalić wurde sehr bekannt. Die Jury würdigt die Idee des Projektes, die Mitglieder der Künstlergruppe, ihre Aktionen, Werke und Ausstellungen mit den Methoden einer Netzwerkanalyse zu untersuchen, zu visualisieren und dadurch neue Einblicke in die Position und Bedeutung einzelner Künstler ebenso zu erlangen, wie Erkenntnisse darüber, welche Ereignisse sie miteinander verbunden haben. Bestehende kunsthistorische Interpretationen konnten bestätigt und neue Forschungsfragen entwickelt werden.

Guy Raz — Preisträger im Bereich «Kunstvermittlung/Kunstgeschichte» für seine Forschungs- und Ausstellungsprojekte zur palästinensisch-israelischen Fotografiegeschichte
Der Fotograf und Kurator Guy Raz wird mit dem Hans-und-Lea-Grundig-Preis 2019 im Bereich kunsthistorische Arbeiten ausgezeichnet. Als Fotograf hat Raz seit über dreißig Jahren die israelisch/ palästinensische Konfliktgeschichte dokumentiert. Seine Bilder zeigen sensible Alltagsszenen auf beiden Seiten der Grenzziehungen, die paradoxe räumliche Zergliederung und Militarisierung des Landes und mahnen dabei an das Thema grenzüberschreitender Menschlichkeit. Als Kurator hat sich Raz durch eine Reihe von Forschungen und Ausstellungen zu frühen Fotografien Palästinas seit 1839 verdient gemacht, um diese Entwicklungen mit der landschaftlichen und kulturellen Realität der Gegenwart in Beziehung zu setzen. Eine bemerkenswertes Forschungsarbeit galt Fotografinnen, die vor dem nationalsozialistischen Regime in Europa fliehen mussten und im britischen Mandatsgebiet Palästina darum kämpften, ihre künstlerische Arbeit fortzusetzen. Die Jury schätzt die kunsthistorische Forschung von Guy Raz und unterstützt die Bemühungen von Guy Raz, eine Institution zu gründen, die sich der Geschichte der Fotografie der Region widmen soll, und dieses zum Medium für einen Austausch zwischen israelischen und arabischen Künstlern und Fotografen zu machen.