Was ich mache, ist Gebrauchskunst

«Lea Grundig, die von wenigen sehr geliebt wurde, wird auch über ihren Tod hinaus gehasst. Sie war sehr skeptisch, wenn ein Andersdenkender zu ihr freundlich war. Bei einem Lob aus dem anderen Gesellschaftssystem müsse sie ihr Werk überdenken: ‹Was ich mache, ist Gebrauchskunst. Ob es Kunst im akademischen Sinne ist, interessiert mich nicht. Ich bin eine Agitatorin.›» (Karoline Müller 1984) In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wurde sie 1969 in einer Kritik ihrer Ausstellung in der Ladengalerie «Chef-Propagandistin» der DDR tituliert (Camila Blechen in der FAZ vom 1.9.1969). Unter den Funktionären der SED galt sie als herrisch, kompliziert und empfindlich, als eine, die sich störrisch gegen die geschmeidige Anpassung der Parteilinie an die Routine des «realen Sozialismus» in den Farben der DDR gewehrt hat. Reformer und Dissidenten in der DDR hielten sie für eine Stalinistin. Beide Seiten sahen in ihr eine gläubige Kommunistin, die im Grunde unpolitisch und naiv gewesen sei. Nach dem überraschenden Wechsel von Walter Ulbricht zu dem angeblichen Reformer Erich Honecker beklagte sie, dass plötzlich alle Porträts des Staatsratsvorsitzenden aus der Öffentlichkeit verschwunden seien und Ulbricht, trotz seiner Verdienste um die DDR von heute auf morgen der damnatio memoriae verfallen sei. In der Frankfurter Rundschau erklärte sie 1973 wenige Jahre vor ihrem Tod 1977 anlässlich der Ausstellung aller Radierungen und des Werkverzeichnisses in der Ladengalerie: «Ich sage ja zur Gesamtentwicklung, zum Grundprinzip absolut und mit meiner ganzen Kraft ja.» Selbst den westdeutschen Feministinnen war sie zu dogmatisch und politisch. Sie lehnten es ab, Lea Grundig 1977 in ihre Ausstellung «Künstlerinnen international 1877-1977» im Charlottenburger Schloss aufzunehmen, weil sie angeblich keine Selbstbildnisse geschaffen habe. Das wichtigste Thema für Künstlerinnen sei doch, sich selbst zu finden. Lea erklärte dagegen: Damals habe sie keine Zeit gehabt, sich vor den Spiegel zu setzen.

(Eckhart Gillen)

 

Biographie

  • Am 23. März 1906
 als Lea Langer, Tochter eines jüdischen Kaufmanns in Dresden geboren.
  • um 1920 Mitglied des zionistischen Jugendbundes Blau-weiß.
  • 1922
 Studium an der Dresdner Kunstgewerbeakademie und Kunstschule Der Weg
  • 1923–1926
 Fortsetzung des Studiums an der Dresdner Akademie der Bildenden Künste.
  • 1926
 Sie wird Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands.
  • 1928
 Heirat mit dem Maler Hans Grundig.
  • 1929
 Gemeinsam mit ihrem Mann ist sie Gründungsmitglied der Dresdner Gruppe Assoziation Revolutionärer Bildender Künstler.
  • 1936 Schweiz-Reise, erste Verhaftung nach ihrer Rückkehr.
  • 1933–1937
 Graphikzyklen Frauenleben, Unterm Hakenkreuz, Der Jude ist schuld, Krieg droht.
  • 1938–1939 zweite Verhaftung und Gefängnis.
  • 1939
 Aus der Haft entlassen, gelangt sie über Wien, die Donau, das Schwarze und das Mittelmeer nach Palästina ins Exil.
  • 1940–1948
 Sie lebt in Tel Aviv und Haifa. Die Graphikzyklen Antifaschistische Fibel, Im Tal des Todes, Niemals wieder!, Ghetto und Ghettoaufstand entstehen.
  • 1948/49
 Rückkehr über Prag nach Dresden.
  • 1950–1967
 Professur an der Dresdner Hochschule der Bildenden Künste.
  • 1946 
Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrt Grundig nach Dresden zurück.
  • 1949 Opfer des Faschismus (I)
  • 1946–1948 
Professor und Rektor der Dresdner Hochschule für Bildende Künste.
  • 1951 Graphikzyklus Kohle und Stahl für den Frieden.
  • 1956/57 Graphikzyklus Zum Deutschen Bauernkrieg.
  • 1957/58 
Arbeit an dem Graphikzyklus Kampf dem Atomtod.
  • 1961
 Mitglied der Deutschen Akademie der Künste in Ost-Berlin. 
Graphikzyklus Fragen und Mahnungen.
  • 1964–1970
 Präsidentin des Verbandes Bildender Künstler der DDR. 
Graphikzyklus Das Kommunistische Manifest.
  • 1967 Nationalpreis 1. Klasse der DDR.
  • 1967–1977 Mitglied des ZK der SED.
  • 1970 Graphikzyklus Lenin.
  • 1971 Graphikzyklus BRD.
  • 1972 Ehrendoktor der Universität Greifswald.
  • 10. Oktober 1977
 Lea Grundig stirbt während einer Mittelmeerreise.