Korrespondenz von Hans und Lea Grundig wird erstmalig genau erforscht

Im Rahmen eines Forschungsprojekts der Hans-und-Lea-Grundig-Stiftung in Zusammenarbeit mit der Akademie der Künste Berlin wird der knapp 700 Stück umfassende private Briefwechsel von Hans und Lea Grundig erstmalig wissenschaftlich bearbeitet. Während sich die bisherige Forschung in erster Linie auf publizierte Quellen stützen musste, erlaubt der private Briefwechsel aus den Jahren 1925–1958 einen neuen und differenzierten Blick auf das Paar und das zeithistorische wie soziale Umfeld. Diese Quellen ermöglichen eine komplexe Annäherung an diese fast beispiellosen und zugleich exemplarischen, mehrfach gebrochenen Biographien, die nicht nur drei Gesellschaftssysteme, sondern auch mehrere Länder umfassen und Fragen des Verhältnisses von Kunst und Politik, Religion und Gesellschaft ebenso wie Exil- und Migrationserfahrungen thematisieren.

Die im vergangenen Jahr begonnene Bearbeitung und kommentierte Herausgabe der Korrespondenz von Hans und Lea Grundig ist das bisher anspruchsvollste wissenschaftliche Projekt der Hans-und-Lea-Grundig-Stiftung. Das Vorhaben wird in Kooperation mit der Akademie Künste, Berlin, und unter Federführung der Kunstwissenschaftlerin Kathleen Krenzlin seit Anfang 2018 realisiert.

Der im Archiv der Akademie der Künste überlieferte private Briefwechsel umfasst etwa 700 Briefe. Er beginnt 1925 mit der «Verlobung» des Paares, führt über Verhaftung und Exil hinweg und endet mit dem Tod von Hans Grundig im Jahr 1958. Dass er der kunstinteressierten und wissenschaftlichen Öffentlichkeit über viele Jahrzehnte bis auf eine Auswahl von 100 Briefen, die 1966 erschienen ist, verborgen blieb, ist sowohl seiner spektakulären Überlieferungsgeschichte als auch der physischen Beschaffenheit des Materials geschuldet.

Zur Überlieferungsgeschichte gehört die von Lea Grundig selbst geschaffene Legende, ein wichtiger Teil der Briefe sei auf der Flucht ins Exil verloren gegangen. Wir wissen heute, dass sie gerettet werden konnten. Spektakulär und nach wie vor ein Desiderat der Forschung ist außerdem, dass der größte Teil der umfassenden privaten Korrespondenz zwischen Hans und Lea Grundig von der SED-Leitung des Bezirkes Dresden nach dem Tod von Lea Grundig im Jahr 1977 gegen ihren ausdrücklichen testamentarischen Willen unter Verschluss genommen worden war. Erst 1998 gelang es der rechtmäßigen Erbin, der Akademie der Künste, Berlin, die Briefe aus Dresden nach Berlin zu holen und damit das Testament zu vollstrecken.

Im Material selbst liegt eine andere, nicht minder bedeutsame Ursache für die fehlende Erschließung der Korrespondenz. Lea Grundig hat die meisten Briefe in Alben geklebt und damit die Transkription und Bearbeitung der ohnehin schwierigen und zu einem beträchtlichen Teil undatierten Handschriften zusätzlich erschwert.

Die auf Initiative der Hans-und-Lea-Grundig-Stiftung in Angriff genommene Bearbeitung und Edition dieses bedeutenden Bestandes an Primärquellen zur deutschen Kulturgeschichte der 1920er bis 1950er Jahre — uns ist nicht bekannt, dass es für das 20. Jahrhundert einen vergleichbar umfangreichen und kontinuierlichen Briefwechsel über einen so langen Zeitraum zwischen einem Künstlerpaar gibt — wird einen neuen und differenzierteren Blick auf Leben und Werk der beiden ermöglichen. Erst das erschlossene Material kann die Grundlage für eine seriöse Beschäftigung mit diesen fast beispiellosen und zugleich exemplarischen, mehrfach gebrochenen Biographien im «Jahrhundert der Extreme» bilden. Die Auswertung und Kontextualisierung der Korrespondenz wird für die weitere Forschung neue Fragestellungen induzieren und der Zeit- und Kunstgeschichte neue Perspektiven auf Hans und Lea Grundig eröffnen.

Die Hans-und-Lea-Grundig-Stiftung möchte damit zu einem differenzierten und vertieften Blick auf das Verhältnis von Kunst, Politik und Gesellschaft im 20. Jahrhundert beitragen.