«Aber Du weißt ja wie wenigen Menschen meine Arbeit im Grunde gefällt» —
Zum 60. Todestag des Malers und Grafikers Hans Grundig

Von Kathleen Krenzlin und Oliver Sukrow

In den überdrehten Debatten um die Präsentation der Malerei aus der DDR, die vor gut einem Jahr von Dresden aus nicht nur die sächsische Kunstwelt aus den Fugen brachten, konnte man eine interessante diskursive Leerstelle beobachten. Denn die Kritik am Wegsperren, Umhängen und Marginalisieren verfing sich zuvorderst an solchen Künstlern — Künstlerinnen fehlten völlig — die der in der DDR sozialisierten und ausgebildeten Generation angehörten. Wenig bis kaum Beachtung wurde dabei jener Kohorte der um 1900 Geborenen geschenkt, welche der «Familienbande» (Eckhart Gillen) durch ihre künstlerischen wie lebensweltlichen Erfahrungen erst die malerischen Fertigkeiten, aber auch die Antagonismen und Paradoxien einbrachten, die sich dann in der Vielfalt der Kunst in der DDR zwischen Verismus und Expressionismus entfaltete. Zu diesen herausragenden, heute kaum noch bekannten «Vätern» zählt der Dresdner Maler, Graphiker und nicht zuletzt kulturpolitisch aktive Hans Grundig, dessen Todestag sich am 11. September zum 60. Male jährte. Als historische Figur wurde Hans Grundig nach 1945 entweder zur Leitfigur des Antifaschisten mit Pinsel oder als Repräsentant eines angepassten sozialistischen Realismus, zumal nach 1990, verklärt. 60 Jahre nach seinem Tod ist es an der Zeit, diese exemplarische Figur, den großen deutschen Realisten auf einer künstlerischen Ebene mit Otto Dix und Max Beckmann neu zu entdecken.


Geboren wurde Hans Grundig 1901 als Sohn eines Dekorationsmalers in Dresden, bei dem er auch in die Lehre ging. Sein Vater hatte ihn ermutigt, sich künstlerisch ausbilden zu lassen, auf Grund seiner bescheidenen Herkunft lernte er zunächst ab 1920 an der Kunstgewerbeschule und studierte von 1922–1927 an der Dresdner Akademie. Als ein Zentrum der Avantgarde, das Figuren wie Will Grohmann, Hildebrand Gurlitt, Hans Posse oder Oskar Kokoschka prägten, waren in Dresdner Galerien wie der «Neuen Galerie Fides» der russische Konstruktivismus und die italienische pittura metafisica zu sehen. 1926 konnte man auf der von Grohmann kuratierten «Internationalen Kunstausstellung» ein beeindruckendes Epochenbild der 1920er Jahre erleben: Dort hingen auch zwei Bilder von Hans Grundig — Am Stadtrand (1926) und Der Junge mit der Zuckertüte (1925) — die einen thematischen Schwerpunkt seines malerischen Werks umreißen: Stadt-Landschaften, soziale Randgruppen, prekäre Existenzen. Wie bei seinen Kommilitonen und Freunden Fritz Skade und Wilhelm Lachnit waren Grundigs Bilder geprägt von individuellem Stil, von Aufrichtigkeit in der Darstellung und von großer malerischer Eindringlichkeit. Damit hatte Hans Grundig zwar bescheidenen Erfolg, doch musste er weiter dem Broterwerb als Dekorationsmaler nachgehen.

Neben dem sozialkritischen Verismus von Dix, der 1927 als Professor nach Dresden zurückkehrte, und dem von Otto Griebel, müssen auch die aus dem Jugendstil und Symbolismus kommenden Akademieprofessoren Otto Gußmann und Otto Hettner als bedeutende Prägungen für Grundigs genannt werden. Sein Werk zeigt in der Folge die Synthese von Verismus und Symbolismus auf, die so typisch für die Dresdner Malerei ist und die zu bis heute ergreifenden Bildern von und über das Not und Elend der Weimarer Republik bis zum Faschismus geführt, aber auch beeindruckend repräsentative Porträts wie das von Horst Saupe (1933) oder von Lea Grundig (1922 bzw. 1929) hervorgebracht hat. Wie Birgit Dalbajewa gezeigt hat, war Hans Grundig in Dresden und Sachsen Ende der 1920er ein bekannter Vertreter des «Jungen Dresden», wie Gurlitt von Zwickau aus diese «Schule» charakterisierte. Maler wie Grundig, Griebel, Lachnit oder Skade müssten, so Posse 1928, als Teil einer «für die soziale Idee begeisterten Jugend» begriffen werden. Obwohl sie sich politisch und mental von Dix nach und nach abgrenzten, war das Vorbild seines kritischen Realismus für Grundig bis an sein Lebensende ein künstlerischer Referenzpunkt.

Spricht man über den Maler Grundig, so darf und kann der politisch aktive Mensch Hans Grundig nicht fehlen. Gemeinsam mit seiner Frau, der Grafikerin Lea Langer, trat Hans Grundig 1926 in die KPD ein. Drei Jahre später wurden sie, gemeinsam mit anderen KünstlerInnen aus dem erweiterten Dix-Umkreis, Gründungsmitglieder der Assoziation revolutionärer bildender Künstler (ASSO). Hier überschneiden sich das künstlerische Schaffen des Grafikers mit den politischen Botschaften des engagierten Grundig: Zunächst waren es Holzschnitte für Flugblätter, ab 1933 komplexere Radierungen und politische motivierte Bilder (Hungermarsch / Café Republik, 1932). Wie die meisten ASSO-Mitglieder unterschied Hans Grundig zwischen Agit-Prop und freien künstlerischen Arbeiten, die den Lebensunterhalt sicherten (Ecce Homo, 1934). Schon zu diesem Zeitpunkt hatte Grundig mit seinen menschenleeren Stadtlandschaften (Wandelndes Paar, 1935), seinen dramatischen Hell-Dunkel-Nachtbildern und seinen «aperspektivischen» Innenräumen, in die er seine Modelle zwängte (Schlafkammer, 1928), die Möglichkeiten eines kritischen Realismus mit «magischen» Untertönen vorgestellt. Ab 1933 verband er diese differenzierte Ausdrucksweise mit einer Phantasie der Bildfindung und Ikonografie, die ihres gleichen sucht. In bemerkenswerter Parallele zum politischen Aufstieg der NSDAP, zumal in Sachsen, ließ Hans Grundig ein ganzes Universum an Figuren, Grotesken, Allegorien, Parabeln und Symbolen entstehen, die die zeithistorische Situation künstlerisch verarbeiteten (Kampf der Bären und Wölfe, 1938). Geschult an der Bildsprache der altniederländischen Malerei von Bosch oder Brueghel, inspiriert von den Balladen des französischen Dichter Francois Villon (Villon-Kassette, 1936) und angereichert von der Avantgarde der Zwischenkriegszeit schuf Grundig in dichter Folge Grafikzyklen wie Tiere und Menschen (1933) oder das monumentale Hauptwerk Das Tausendjährige Reich (1935–1938), das Pendant zu Dix‘ Weltkriegstriptychon von 1929–1932.

Rückblickend schilderte Grundig in seiner Autobiografie Zwischen Karneval und Aschermittwoch (1957) sein Triptychon als ein «Abbild der Wirklichkeit … für alle, die zu lesen verstanden.» Das Ziel seines Bemühens sah Grundig darin, mit diesem Bild «allen Menschen eine Warnung vor dem unausbleiblichen Krieg zu geben.» Weder entsprach das im Untergrund gemalte und nur durch Zufall auf uns gekommene Werk der Forderung nach einer «deutschen Kunst», noch passte es nach 1945 in die Doktrin des sozialistischen Realismus als «wahrheitsgetreue, historisch konkrete Darstellung der Wirklichkeit in ihrer revolutionären Entwicklung», wie es Maxim Gorki 1934, nur ein Jahr vor Beginn der Arbeiten am Triptychon, verkündet hatte. Dem Aufbau eines mittelalterlichen Wandelalters folgend, entfaltet Grundig auf zwei Seitentafeln (Karneval, 1935; Chaos, 1938), dem Mittelteil (Vision, 1936) und einer Predella als symbolischen Ort der Grabesruhe Christi (Die Schlafenden, 1938) seine phantastische Vision einer untergehenden Welt als dystopisches Gegenbild zum «Tausendjährigen Reich» Hitlers. Grundigs Meisterwerk vereint den Expressionismus des Isenheimer Altars von Matthias Grünewald mit den apokalyptischen Stadtbildern von Ludwig Meidner und der drastischen Anklage der dixschen Malerei. Die Misch- und Fabelwesen auf diesem unheimlichen Karneval stammen von Renaissance-Grotesken. In der Zusammenführung von so heterogenen Quellen setzte sich Grundig doppelt ab, sowohl von seiner neusachlichen Lehrergeneration, als auch vom Neoklassizismus der Nationalsozialisten. Nach deren Machtübernahme von 1933 folgten das Berufsverbot für Grundig, die Diffamierung in der Ausstellung «Entartete Kunst», mehrere Verhaftungen, schließlich 1940 die Inhaftierung im KZ Sachsenhausen als politischer Gefangener. Von seiner Frau Lea — sie konnte nach Palästina emigrieren — sollte Grundig bis 1949 getrennt bleiben, auch wenn beide seit 1946 wieder einen weitgehend kontinuierlichen Briefkontakt pflegten. Grundig gelang gegen Ende des Krieges bei einem Einsatz in Ungarn das Überlaufen von der SS-Strafdivision Dirlewanger zur Roten Armee.

Nach politischer Schulung, vermutlich in Moskau, zu einem Leitungskader im Kulturbereich, kehrte Grundig im Januar 1946 nach Dresden zurück. Dort wurde er zum Rektor der Kunstakademie berufen. Noch im gleichen Jahr organisierte er — gemeinsam mit Will Grohmann — die «Erste allgemeine deutsche Kunstausstellung» in Dresden — die erste Schau, auf der nach 12 Jahren NS-Diktatur wieder die Werke der klassischen Moderne zu sehen waren. Ebenfalls 1946 begann er die beiden Versionen seiner Gemälde Den Opfern des Faschismus, die, einzigartig für die Malerei in der DDR, explizit der jüdischen Opfern des Nationalsozialismus gedenken. Bei allem Erfolg und politischer Linientreue geriet Grundig jedoch Ende der 1940er Jahre in die Fallen und Verstrickungen der stalinistischen Kunstdiktatur: schwerwiegender, als der Konflikt mit dem niederländischen Architekten Mart Stam um die Neuorganisation der Dresdner Akademie war die Kritik an Grundigs antifaschistischen Werken der 1930er–40er Jahre. Seine visionären Dystopien auf den Nationalsozialismus wurden nicht zuletzt aufgrund ihres mangelnden Realismus und des fehlenden optimistischen Ausblicks im Bild von der Kunstkritik abgelehnt. Am Ende blickt Grundig aus seinem späten Selbstbildnis aus dem Jahr 1946, heute im Depot der Berliner Nationalgalerie, zweifelnd auf den Betrachter. Nach seinem Rücktritt als Rektor im Jahr 1948 arbeitete Grundig an neuen Bildthemen wie der Bedrohung durch die Atombombe und versuchte sich zudem in malerischen Stillleben und Theaterdekorationen mit politischem Inhalt. Immer wieder kreisten seine Bilder auch um Lea Grundig (Bildnis Lea, 1946; Herbst, 1947). Von der KZ-Haft körperlich schwer angeschlagen und politisch isoliert starb Hans Grundig, der nicht zum Mitglied der 1950 in Ostberlin gegründeten Deutschen Akademie der Künste berufen worden war, am 11. September 1958 in Dresden. Erst 1979 erfolgte, mit der Monographie von Günter Feist aus dem Verlag der Kunst Dresden, die erste umfassende Würdigung seines Werkes in der DDR. Ob und wie Grundig außerhalb der DDR rezipiert worden ist, bleibt weiter offen.

Die Auseinandersetzung mit Hans (und Lea) Grundig nach 1990 ist auf das Engste mit jenen Debatten nach der Wiedervereinigung verknüpft, die als Lehrstück für die politische Aufladung von vermeintlich «historischen» Untersuchungsgegenständen dienen kann. Lea Grundig hatte im Jahre 1974 an der (damaligen) Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald den «Hans-und-Lea-Grundig-Preis» gestiftet, mit dem AbsolventInnen des hiesigen Caspar-David-Friedrich-Instituts in den Kategorien Bildende Kunst, Kunstvermittlung und Kunstgeschichte ausgezeichnet werden sollten. Bis Anfang der 1990er Jahre wurde der Preis alle zwei Jahre vergeben, doch entschied sich das Greifswalder Kollegium zunächst für eine Unterbrechung, später für eine Liquidierung der Stiftung, da deren Ziele nicht mehr mit den Werten einer Universität der Gegenwart kohärent seien. Bezeichnenderweise fand die Abwicklung der Stiftung, zu welcher auch eine Bibliothek und eine Grafiksammlung gehören, im gleichen Augenblick wie die Debatten um die Umbenennung der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald statt. Während aber die Kampagne gegen Arndt schlussendlich erfolgreich war, wurde die Grundig-Stiftung 2010 auf Initiative der PDS-Fraktion im Schweriner Landtag als unselbstständige Stiftung in die Rosa-Luxemburg-Stiftung übertragen. Seitdem ist die Max-Lingner-Stiftung mit der Vergabe des Grundig-Preises betraut und nimmt sich der historisch-kritischen Aufarbeitung des Erbes der beiden Namensgeber in Form von wissenschaftlichen Tagungen und Publikationen an. Im Jahr 2019 wird der Grundig-Preis nach internationaler Ausschreibung mittlerweile zum vierten Male gemäß dem Willen der Stifterin in den Kategorien Bildende Kunst, Kunstvermittlung und Kunstgeschichte vergeben.

In der stilistischen wie motivischen Bandbreite von Hans Grundig lässt sich die Komplexität von Kunst und Politik im 20. Jahrhundert erahnen. So spricht das Werk des Dresdner Künstlers gegen eine simplifizierende Eindimensionalität. Grundigs Bilder zeugen von einer Bipolarität schöpferischer Phantasie und konkreter politisch-sozialer Aussage. Er stellt als Avantgardist die klassischen Normen und Grenzen der künstlerischen Widerspiegelung der Realität auf die Probe, auch wenn er sie nie gänzlich verließ. Grundig schuf sowohl im Kontext der Weimarer Republik, der NS-Diktatur als auch im Rahmen der Realismus-Formalismus-Debatten in der frühen DDR kontroverse und subversive Bildwelten — Zeit, diese neu zu erkunden.

Die Kunsthistorikerin Kathleen Krenzlin leitet die Galerie Parterre Berlin/Kunstsammlung Pankow und ist Mitglied der Jury des Hans-und-Lea-Grundig-Preises. Seit 2018 bearbeitet sie die wissenschaftliche Edition der privaten Korrespondenz von Hans und Lea Grundig im Archiv der Akademie der Künste, Berlin. Dr. Oliver Sukrow ist Universitätsassistent an der Abteilung Kunstgeschichte der TU Wien und Sekretär der Hans-und-Lea-Grundig-Stiftung.